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Borken: Ökologisches Neubaugebiet mit regenerativer Wärmeversorgung für Marbeck West

Entwurf Gestaltungsplan Baugebiet Marbeck West / Copyright: Stadt Borken

Im Ortsteil Marbeck der Kreisstadt Borken setzen die Stadtwerke Borken den Ausbau mit regenerativen Energien des Stadtgebiets weiter fort. Für die regenerative Wärmeversorgung hat das bereits im Vorgängerprojekt WiEfm mit einem Wärmegutschein unterstützte Neubaugebiet Schmeing-Gelände im Stadtteil Weseke mit seinem kalten Nahwärmenetz und dem ökologischen Konzept bereits richtungsweisende Elemente gesetzt und soll als Blaupause für weitere Projekte in Borken dienen. Das neu zu entwickelnde ökologische Wohngebiet Marbeck-West ist jedoch ein auf andere Weise besonderes Projekt, da es in einem Wasserschutzgebiet liegt und daher andere Anforderungen stellt. Daher werden nun mit Unterstützung eines Wärmegutscheins aus Task Force Wärmewende verschiedene nachhaltige Netzvarianten in einer Machbarkeitsstudie untersucht.

Aufgrund des Wasserschutzgebiets kann im Baugebiet Marbeck-West nicht wie in Weseke ein kaltes Nahwärmenetz mit Tiefenbohrungen im Gebiet errichtet werden. Da das System kalte Nahwärme zudem den Faktor einer Wärmezentrale mit Wärmepumpe in jedem Haus beinhaltet, sollen nun zwei Netz-Varianten gegenübergestellt werden: ein kaltes Netz und ein Niedertemperatur-Netz.

Niedertemperatur-Netz mit Wärme aus Abwasser und hybriden Solarkollektoren

Zum Niedertemperatur-Netz sagt Markus Niehaus, Abteilungsleitung Vertrieb Privatkunden und Energiedienstleistungen der Stadtwerke Borken/Westf. GmbH: „So müssen wir nicht mit 75 °C, wie in einem klassischen Wärmenetz, zu den einzelnen Häusern, aber mit 40 bis 45 °C, um dort die Heizung zu temperieren.“ Zur darüberhinausgehenden Erwärmung des Trink-Warmwassers könnten dann z.B. Kompaktstationen eingesetzt werden und eine Wärmepumpe für Heizung und Warmwasser wie beim kalten Netz würde entfallen, was auch den Platzbedarf verringert. Da in Neubauten für die Heizung keine hohen Temperaturen benötigt werden, müssen die Wärmeleitungen gegenüber einem klassischen Nahwärmenetz zudem nicht so umfangreich gedämmt werden und es kommt zu geringeren Wärmeverlusten durch die niedrigeren Temperaturen.

Für die Gewinnung von regenerativer Niedertemperatur-Wärme gibt es in Borken auch bereits eine Idee: In der Nähe des Baugebiets gibt es eine ehemalige Kläranlage mit einer nicht weiter nutzbaren Fläche, in welcher die gesamten Abwässer aus Marbeck zusammenlaufen. Die Fragestellung von Herrn Niehaus hier lautet: „Können wir aus diesen Abwässern genügend Energie ziehen, indem wir dort eine größere Wärmepumpe hinsetzen?“ Zusätzlich ist angedacht die Fläche mit hybriden Solarpanelen auszustatten, die sowohl Strom produzieren als auch Wärme generieren können, welche dann über mehrere Wärmepumpen und Pufferspeicher gebündelt und über das potenzielle Niedertemperatur-Netz zu den Häusern bewegt werden könnte.

Gegenübergestellt wird dies einem kalten Nahwärmenetz mit einem Erdsondenfeld zur Wärmegewinnung, welches außerhalb des Neubaugebiets in einem Regenrückhaltebecken liegen könnte.

Für einen Vergleich von Kosten und ökologischen Aspekten werden diese beiden Netzvarianten zudem mit einer dezentralen Lösung verglichen, bei der jedes Haus seine eigene Luft/Wasser-Wärmepumpe für die Heizungs- und Warmwasserbereitung nutzt.

Kooperation zwischen Stadt und Stadtwerken in Borken-Weseke ist ein Erfolgskonzept

Bereits bei der Erschließung des ökologischen Neubaugebiets in Borken-Weseke war die Zusammenarbeit der Stadt Borken und der Stadtwerke Borken ein entscheidender Erfolgsfaktor, Stichwort „Kommunale Wärmeplanung“. Denn über die für Bauleute verpflichtenden Maßnahmen in Bezug auf Klimaschutz und Klimafolgenanpassung, welche die Stadt vorgibt und zu denen auch der Anschluss an das Wärmenetz in Weseke gehörte, werden wichtige Signale und Weichen für eine klimaneutrale Zukunft gesetzt sowie eine für die Wirtschaftlichkeit des Projekts nötige Anschlussquote sichergestellt.

„Die Stadt Borken hat klargemacht, dass das Schmeing-Gelände eine Art Blaupause für sie ist in Bezug auf den gewünschten ökologischen Mindeststandard von Neubaugebieten. Daher kam die Stadt für das neue Baugebiet im Stadtteil Marbeck auch auf uns zu wegen der Machbarkeit einer ökologischen Lösung. Da wir eine 100%ige Tochter der Stadt Borken sind, haben wir die Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, um zu gucken, was wir dort machen können und hoffen auf gute Ergebnisse.“ so Niehaus.

Wärmegutschein ermöglicht Entwicklung neuer Ideen

Dazu beantragten und erhielten die Stadtwerke Borken auch einen Wärmegutschein vom INTERREG-Projekt Task Force Wärmewende, welchen Markus Niehaus vor allem auch schätzt, da die Förderung es ermöglicht, neue Ideen zu entwickeln und den Horizont zu erweitern. „Ansonsten neigen viele ja eher schonmal dazu bekannte Lösungen zu wählen, da dort bekannt ist, wie es funktioniert. Und weil es halt Geld kostet, versuchen viele gar nicht sich nach anderen Möglichkeiten umzusehen.“ sagt Niehaus und fügt an: „Für uns besteht aber schon der Anspruch nicht nur eine Machbarkeitsstudie durchzuführen, sondern wir wollen dann auch in die Umsetzung gehen.“

Den Vergleich zwischen dem kalten Nahwärmenetz und dem Niedertemperatur-Netz findet Markus Niehaus in diesem Projekt besonders spannend, da beide Lösungen interessante Vorteile bieten. „Die Möglichkeit des kalten Nahwärmenetzes zur Kühlung fehlt beim Niedertemperatur-Netz natürlich. Aber bezogen auf die Kosten bin ich wirklich gespannt, wo wir damit am Ende liegen.“ so Niehaus. Bei dem bisher noch in keinem Anwendungsfall in Borken untersuchten Niedertemperatur-Netz ist für ihn insbesondere die Vorstellung interessant, „eine zentrale Wärmepumpe zu haben, die vielleicht abseits liegt, und aus verschiedenen Energiequellen die benötigte Energie zu holen, sei es über Solarthermie, aus der Luft, dem Abwasser oder einem Mix verschiedener Abwärmequellen oder auch durch Tiefenbohrungen. Diese Energieströme zentral zu bündeln und dann zu den einzelnen Häusern zu führen – das ist für mich das Spannendste gegenüber einem zentralen Erdwärmesondenfeld.“

Die in Borken für Neubaugebiete nicht mehr in Frage kommende, aber bei vielen Versorgern vormals häufigste Standard-Lösung war die Verlegung von Erdgas-Netzen. In einer nachhaltigen Wärmeversorgung gibt es eine solche Standard-Lösung nicht, daher ist ein Blumenstrauß an Möglichkeiten wichtig für Markus Niehaus: „Jedes Gebiet ist anders und da gilt es, sich immer die Stärken und die Begebenheiten aus dem Gebiet rauszusuchen, um zu entscheiden welche Lösung passend ist.“

Das Gespräch führte Christian Käufler von der FH Münster mit Markus Niehaus, Abteilungsleitung Vertrieb Privatkunden und Energiedienstleistungen der Stadtwerke Borken/Westf. GmbH am 25.11.2021.

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